1. Reportage: „Wer sind unsere VIP?“


 – Sandra Kern

Ab heute bekommt ihr, liebe Leserin­nen, liebe Leser, einen monatlichen Ein­blick in das Leben unser­er VIP.

Wo sie herkom­men, was sie ursprünglich gel­ernt und gear­beit­et haben und was geschah, dass sie heute mit einem kleinen Bud­get leben.  Aber lest selb­st unsere erste Reportage, die mit Her­rn R.beginnt.

Herr R., geboren im Jahr 1955, wächst er als sen­si­bles Einzelkind in einem liebevollen und wohlhaben­den Eltern­haus auf. Der Grund warum nach sein­er Geburt keine Geschwis­ter mehr fol­gen ist, weil seine Mut­ter während der ganzen Schwanger­schaft unter Übelkeit lei­det. Sein Vater beschliesst nach der sehr schwieri­gen Geburt seines Sohnes deshalb, sein­er Frau dies kein zweites Mal anzutun.

Seine Eltern führen sehr erfol­gre­ich eine Tankstelle und besitzen ein gross­es Haus mit Swim­ming­pool. Einige von Her­rn R.‘s Klassenkam­er­aden miss­gön­nen ihm jedoch diesen Wohl­stand und ver­hal­ten sich ihm gegenüber hin­ter­hältig und gemein. Herr R. absolviert seine restliche Schulpflicht deshalb in ein­er Pri­vatschule in Roman­shorn, in der er viele Fre­unde find­et. Nach­dem Herr R. seine oblig­a­torischen Schul­jahre been­det, begin­nt er im Jahr 1972 eine KV-Lehre bei ein­er renom­mierten Bank. Herr R. beschreibt sein dama­liger Vorge­set­zter als äusserst schwierig. Nach erfol­gre­ichem Abschluss sein­er Aus­bil­dung, äussert er sich gegenüber seinem Chef, aus dem oben genan­nten Grund, der­art offen und direkt („Sie sind es A… loch“ und weit­ere Kraftwörter, die hier nicht genan­nt wer­den soll­ten…), dass Herr R. die Kündi­gung erhält.

Nach diesem Vorkomm­nis, grün­det Herr R. zusam­men mit einem Fre­und, eine eigene Fir­ma. Genau genom­men eine Schwärz­erei (Antiox­i­da­tion). Herr R.‘s Betrieb gedei­ht erfol­gre­ich und er erhält viele Aufträge. Das Geschäft flo­ri­ert der­art, dass es ihn dazu ver­leit­et Geld zu unter­schla­gen. Herr R. wird im Jahr 1997 zu ein­er 18-monati­gen Bewährungsstrafe verurteilt, dies auf­grund seines tadel­losen Leu­munds (die Rich­terin, ehe­ma­lige Bezirks­gericht­spräsi­dentin, war nach ihrer Pen­sion­ierung eine Mitar­bei­t­erin unser­er Gassenküche). Von 1997 bis 2004 arbeit­et Herr R. als Spedi­teur bei ein­er schweizweit bekan­nten Schoko­laden­fab­rik und beliefert alle Merkurgeschäfte in der Zen­tral- und Westschweiz.

2004 erlei­det Herr R. innert kurz­er Zeit zwei Schla­gan­fälle, eine Hirn­blu­tung und erkrankt an Harn­röhrenkrebs. Für 11 Monate hält er sich darauf­fol­gend in der Klinik Mün­ster­lin­gen auf. In der Klinik lernt er einige Leute ken­nen, lei­ht diesen wieder­holt grössere Geld­be­träge, die er jedoch, ent­ge­gen die Abmachung, nicht zurück­bezahlt bekommt. Gle­ichen­tags nach Herr R.‘s Ent­las­sung, wird er an seinem Wohnort von einem frem­den Mann um Hil­fe gebeten. Gut­mütig und grosszügig wie er ist, lädt er diesen Mann zu sich in die Woh­nung ein und — wird aus­ger­aubt. Sein ganzes Porte­mon­naie mit Bargeld ist verschwunden.

Um Miete zu sparen, grün­det Herr R. zusam­men mit seinem besten Fre­und eine WG, in der die bei­den, bis zu dessen Tod, sieben Jahre lang wohnen. Herr R. bewohnt seine Woh­nung seit­dem wieder allein. Der Plan, gemein­sam eine Beiz zu eröff­nen, kön­nen sie auf­grund des Coro­na Virus, weil sich sein Fre­und das Bein bricht und aus finanziellen Grün­den nicht realisieren.

Herr R. geht es gut. In den ver­gan­genen Jahren lernte er, dass weniger mehr ist. Näm­lich weniger Druck und Verpflich­tung, dafür mehr Leben­squal­ität. Er ist dankbar und glück­lich für alles was er in seinem Leben haben darf.

Das Marken­ze­ichen von Herr R.: