3. Reportage „wer sind unsere VIP“


 – Sandra Kern

Alle guten Dinge sind drei… Drei unser­er VIP waren bere­it, für diese Reporta­gen ein Ein­blick in ihr Leben zu gewähren. Weit­ere Gäste möcht­en sich dafür nicht äussern, weshalb diese Serie mit dem unten­ste­hen­den Inter­view endet. 

Zu Beginn des zweit­en Weltkriegs erblickt Frau E. 1940, in der Alt­stadt Win­terthur, als drit­tjüng­stes von sechs Kindern das Licht der Welt. Ihre Mut­ter ist lange Zeit allein­erziehend, weil der Vater in den Mil­itär­di­enst ein­berufen wird.

Beim Dröh­nen der Kriegs­flugzeuge schrillen die Sire­nen und war­nen vor Bom­bardierun­gen. Jedes­mal ver­dunkelt Frau E.‘s Mut­ter in Eile die Fen­ster mit Wolldeck­en und stürzt mit ihren drei, noch kleinen Kindern, hek­tisch in den Keller. In diesem har­rt die Fam­i­lie aus, bis die Gefahr vorüberge­hend geban­nt ist. Über Jahre wieder­holt sich dieses — für Frau E. sehr belas­ten­des — Rit­u­al. Mit dieser Tode­sangst und in gross­er Unsicher­heit wächst Frau E. auf. Diese Gefüh­le prä­gen sie bis heute.

Im Alter von fünf Jahren besucht Frau E.  den Kinder­garten und freut sich jew­eils am Abend schon riesig auf den morgi­gen Tag, da es bei ihr daheim keine Spiel­sachen gibt. Der lieb­ste Platz im Kinder­garten ist der „Bäbi-Ecke“. 1946, ein Jahr später, erfol­gt die Ein­schu­lung. Nach dem Tur­nen beste­ht eine Dusch­pflicht, während dieser die Schul­ge­hil­fin die nack­ten Kinder mit ein­er harten Bürste aus Schweins­borsten abschrubbt. Frau E. getraut sich schüchtern mitzuteilen, dass ihr diese Bürste weh macht, worauf sie von der Gehil­fin barsch zurecht­gewiesen und zur Strafe noch grober abge­bürstet wird. Jedes Mal nun, lässt Frau E. diese Tor­tur weinend über sich erge­hen und getraut sich nicht mehr, sich über die Schmerzen zu bekla­gen. Daheim davon zu bericht­en, getraut sie sich eben­falls nicht.

Im Jahr 1948 zieht die ganze Fam­i­lie von der Stadt aufs Land in den Kan­ton Aar­gau. Zum ersten Mal in ihrem Leben bestaunt Frau E. saftig grüne Wiesen und die darauf wei­den­den Kühe. Frau E.‘s Eltern betreiben einen Bauern­hof mit vie­len Tieren mit­ten im Grü­nen, wo sich Frau E. sehr wohl und gebor­gen fühlt. Sie ent­deckt die Ruhe, die Tiere und die Natur.

Im Alter von 14 Jahren, nimmt Frau E. ihre erste Arbeitsstelle in einem Haushalt als „Mäd­chen für Haus und Hof“ an. Allerd­ings wird sie von grossem Heimweh geplagt. Tele­fonate sind nur in Tele­fonzellen und nach Ein­wurf von Münzen möglich, weil nicht in allen Häusern Tele­fone vorhan­den sind. Aus diesem Grund hat Frau E. immer genug Münzen in der Tasche. Dies hat sie bis heute so beibehal­ten — denn man weiss ja nie… Auf­grund ihres Heimwehs, bestellt der Haush­err sie in sein Büro, um ihr zu eröff­nen, dass Weinen tagsüber ver­boten sei. Frau E. ver­sucht sich for­t­an zusam­men­zureis­sen und weint sich abends in ihrer Kam­mer in den Schlaf. Zweiein­halb Jahre bleibt Frau E. als Magd in diesem Guts­be­trieb, arbeit­et 11 Stun­den pro Tag und ver­di­ent ein Monats­ge­halt von Fr. 100.-, inkl. Kost und Logie.

1956 zieht Frau E., auf­grund eines Stel­lenange­bots nach Basel und nimmt eine Arbeit als Laden­tochter in einem Kaffe mit dazuge­höriger Bäck­erei an. Auch dort beträgt ihre tägliche Arbeit­szeit 11 Stun­den, jedoch ist ihre Ent­loh­nung, inkl. Kost und Logie, wenig­stens um Fr. 10.- höher. Trotz dieses gerin­gen Lohns von Fr. 110.-, hat Frau E. die jährlich oblig­a­torische „Armen­steuer“ zu entrichten.

Die Bäck­erei beliefert Handw­erker­be­triebe mit ihren knus­pri­gen Back­waren. Die kleine und zier­liche Frau E. ist für diese Zustel­lung ver­ant­wortlich und steigt jeden frühen Mor­gen, mit ein­er schw­eren und rand­voll belade­nen Krätze, die gröss­er ist als sie selb­st, aufs Velo. Unsich­er und ängstlich bal­anciert sie diese kost­bare Fracht durch die Basler Gassen, mit der Hoff­nung nichts zu ver­lieren oder nicht umzufallen.

Im Alter von etwas mehr als 17 Jahren, erhält Frau E. ihre ersten Ferien und fährt für zwei Wochen nach­hause. Weil der Wirt im örtlichen Schankhaus auf der Suche nach ein­er Ser­vicekraft ist, hil­ft Frau E. an drei Aben­den bei ihm aus und ver­di­ent pro Tag Fr. 5.- Das Trinkgeld darf sie behal­ten. Das Wirtee­hep­aar ist von Frau E. der­art begeis­tert, dass sie eine Fes­tanstel­lung ange­boten bekommt. Weil Frau E. jedoch noch in Basel arbeit­et, hil­ft sie jew­eils in ihren weni­gen Ferien in diesem Gasthof aus. Zusam­men mit dem Wirtepaar wohnt deren hand­i­capierte Tochter (Tri­somie 21). Während den Win­ter­monat­en sind die Schlafkam­mern bit­terkalt, denn eine Zen­tral­heizung gibt es noch nicht. Während­dessen Frau E. bei der Arbeit ist, kriecht die Wirte­tochter unter Frau E.‘s Bettdecke um vorzuwär­men. Jedes Mal wenn Frau E. nach Feier­abend unter ihre Decke schlüpft, ist das Mäd­chen schon da und für bei­de ist schön warm. Darüber, was eines Nachts im Restau­rant geschieht, als sich Frau E. ver­meintlich alleine in der Gast­stube aufhält, möchte sie nicht sprechen.

Die Mut­ter von Frau E. hat ins­ge­samt 20 Geschwis­ter. Eine ihrer Schwest­ern führt ein Restau­rant und sagte ihren Gästen als Wahrsagerin neben­bei die Zukun­ft voraus. Bei dieser Tante nimmt Frau E. für die Dauer von 2 1/2 Jahren eine Arbeitsstelle im Ser­vice an. Darauf zieht Frau E. zu ein­er weit­eren Tante, die in Win­terthur direkt beim Bahn­hof­platz den Gasthof „zur alten Post“ betreibt. Im Ser­vice hil­ft Frau E. dort 10 Jahre lang mit und ver­di­ent mit ihrem Trinkgeld monatlich Fr. 200.-. Einen fix­en Monat­slohn bekommt sie nicht.

Im Alter von 23 Jahren begin­nt Frau E. eine Fre­und­schaft mit einem jun­gen Mann, der in diesem Gasthof ein Zim­mer bewohnt. Heirat­en ist für sie allerd­ings kein The­ma — zum Leid ihres Fre­un­des. Dieser bleibt hart­näck­ig und lässt nicht lock­er. Nach seinem zweit­en Heirat­santrag, willigt Frau E. ein, weil sie sich sagt: „dieser oder kein­er…“. Die Ehe dauert 52 Jahre lang und bleibt kinder­los. Frau E. arbeit­et als Aushil­fe weit­er­hin im Restau­rant „zur alten Post“. Allen Paaren rät Frau E. rück­blick­end, offen über alles zu sprechen, weil sie selb­st das viel zu wenig gemacht hat. Sie bereut das im Nach­hinein. Ihr inzwis­chen ver­stor­ben­er Ehe­mann beschreibt sie als sehr dom­i­nant, her­risch und wenig ein­fühlsam. Näher möchte sie nicht darauf eingehen.

Im Alter von 28 Jahren erkrankt Frau E. an einem aggres­siv­en Darmkrebs. Die Ärzte sind sich nicht sich­er, ob sie diese Erkrankung über­lebt. Über den Darm spricht man zu dieser Zeit noch nicht und Frau E. schämt sich für ihr Lei­den. Die schmerzhafte Behand­lung zieht sich über mehr als 10 Jahre hin und bedeutet für Frau E. eine Tor­tour. Nichts desto trotz hil­ft Frau E. in Frauen­feld in einem Milch­lädeli im Oberkirch, auf dem Blu­men­markt bei der Prom­e­nade und in Win­terthur in einem Geschäft mit ital­ienis­chen Spezial­itäten aus.

Eines der Marken­ze­ichen von Frau E. ist bis zum heuti­gen Tag ihr Töf­fli. Auch damals ist sie mit diesem an einem kalten Win­ter­mor­gen unter­wegs, stürzt auf der vereis­ten Strasse und kon­sul­tiert darauf ihren Hausarzt. Der Arzt stellt bei der Unter­suchung einen hohen Entzün­dungswert im Blut und ein Loch in der Darmwand fest, infolgedessen sie not­fallmäs­sig operiert wird. Zwar ver­heilt ihr Darm, aber ihr Ver­dau­ungssys­tem bleibt diffizil.

Nach dem Tod ihre Mannes, zieht Frau E. in eine kleine Woh­nung, in der sie sich sehr wohl fühlt. 1998 unterzieht sie sich ein­er Rücken­op­er­a­tion, auf­grund eines Band­scheiben­vor­falls und bleibt auf­grund dieser in ihrer Bewe­gung eingeschränkt. Kurze Zeit später erlei­det Frau E. eine Hirnblutung.

Zwar erlebt Frau E. einige Schick­salss­chläge, aber lernt auch sehr viele liebe Men­schen ken­nen. Sie beschreibt sich als eine zufriedene Frau und vor allem als eine Opti­mistin. Frau E. ist sehr dankbar für alles was sie hat und, dass sie jeden Mittwoch im Restau­rant Gassenküche essen darf.