Thurgauer Zeitung:
Frauenfeld bekommt Gassenküche

Veröffentlicht am 4. Okt. 2010 von
In knapp ei­nem Mo­nat öff­net an der Gra­ben­strasse 12 in Frau­en­feld die erste Gas­sen­kü­che ihre Tore. Auch die Stadt zeigt sich er­freut über das Pro­jekt, wel­ches auf ei­ner pri­va­ten In­itia­tive gründet.

Das Gas­sen­kü­che­team: Su­sanne von Nie­der­häu­ser, Jo­landa von Sie­ben­tal, Cora Ba­dert­scher, Jac­que­line Roth, Sa­lome Kern, San­dra Kern und Ma­rion Bru­de­rer (Matt Su­re­mann und Mo­nika Fi­scher feh­len), ist ab dem 27. Ok­to­ber in Frau­en­feld. (Bild: Do­nato Caspari)

Spätzli-Gratin mit Sa­lat, Suppe und Tee für ge­rade mal drei Fran­ken statt Ham­bur­ger, Pom­mes und Cola. Das will die erste Thur­gauer Gas­sen­kü­che ab dem 27. Ok­to­ber in Frau­en­feld an­bie­ten. In Zu­kunft soll sich das Tor am ehe­ma­li­gen Thurdruck-Gebäude an der Gra­ben­strasse 12 je­den Mitt­woch um 11.30 Uhr öff­nen. In den hel­len Räum­lich­kei­ten im ers­ten Ober­ge­schoss ha­ben 50 Leute Platz. Aber schon mit zehn ver­kauf­ten Mahl­zei­ten pro Öff­nungs­tag trägt sich ge­mäss Busi­ness­plan von Pro­jekt­lei­te­rin San­dra Kern die Gas­sen­kü­che fürs erste Ge­schäfts­jahr, fürs zweite mit de­ren 15.

Zi­ga­rette statt Essen
San­dra Kern ar­bei­tet in der öf­fent­li­chen Ver­wal­tung. Die Idee für die Gas­sen­kü­che ist ihr aber wäh­rend ei­nes Prak­ti­kums für ihr ak­tu­el­les Stu­dium zur di­plo­mier­ten So­zi­al­ma­na­ge­rin an der FSSM Aarau ge­kom­men. Bei der Ar­beit für eine So­zi­al­firma sei ihr auf­ge­fal­len, dass für die an­ge­stell­ten So­zi­al­hil­fe­emp­fän­ger Er­näh­rung nicht oberste Prio­ri­tät habe. Die Zi­ga­rette in der Mit­tags­pause sei vie­len wich­ti­ger gewesen.
Seit Ja­nuar be­fin­det sich die in­itia­tive 42-Jährige nun in der Pla­nung, hat aus ei­ner Be­darfs­ana­lyse ei­nen Busi­ness­plan er­stellt. Wenn sie dann am 27. Ok­to­ber die Er­öff­nung zu­sam­men mit dem Pro­jekt­team bei ei­nem fei­nen Spätzli-Gratin und vie­len Gäs­ten fei­ern könne, wür­den ihr Steine vom Her­zen fal­len. Die acht Kö­chin­nen, wel­che aus ih­rem pri­va­ten Um­feld kom­men, von der Rent­ne­rin bis zur Be­rufs­kö­chin, ar­bei­ten eh­ren­amt­lich. Die Gas­sen­kü­che konnte als Pro­jekt beim Ver­ein JUTG un­ter­kom­men und zahlt in des­sen Räum­lich­kei­ten an der Gra­ben­strasse auch keine Miete. Dazu kä­men Spen­der und Spon­so­ren, fi­nan­zi­ell und di­rekt mit Le­bens­mit­teln, ohne die es nicht ginge.

Nie­der­schwel­li­ges Angebot
Auf dem Me­nü­plan ste­hen etwa Hörnli mit Gha­ckets, Mah-Meh oder auch Ge­schnet­zel­tes mit Kar­tof­fel­stock, dazu im­mer eine Ge­mü­se­bei­lage so­wie Sa­lat und Suppe. Was üb­rig bleibt, darf ein­ge­packt wer­den. Ziel­gruppe der Frau­en­fel­der Gas­sen­kü­che seien al­lein­ste­hende und al­lein­er­zie­hende Für­sor­ge­emp­fän­ger so­wie Men­schen knapp über dem Exis­tenz­mi­ni­mum. Aber auch ganze Fa­mi­lien seien will­kom­men. Das An­ge­bot ist nie­der­schwel­lig, man braucht sich nicht aus­zu­wei­sen. Miss­brauch sei des­halb mög­lich, aber nicht im gros­sen Aus­mass zu er­war­ten, sagt Kern. Auch müsse sich nie­mand be­tref­fend Sze­nen­bil­dung oder Lärm­emis­sio­nen sor­gen. Die Gas­sen­kü­che und ihre Um­ge­bung wür­den sucht­mit­tel­frei ge­hal­ten. Zu­dem sei der Auf­ent­halt vor dem Ge­bäude nicht er­wünscht. Diese Re­geln und auch die Öff­nungs­zei­ten wür­den strikt um­ge­setzt werden.
Die Frau­en­fel­der Stadt­rä­tin Christa Thor­ner, wel­che der Ab­tei­lung So­zia­les vor­steht, weiss von der Gas­sen­kü­che und be­zeich­net sie als ei­nen sinn­vol­len Puz­zle­stein im Ge­samt­an­ge­bot. Denn ne­ben der Mög­lich­keit, ge­sund und güns­tig Mit­tag zu es­sen, könne man im Kon­takt mit an­de­ren Men­schen der so­zia­len Iso­la­tion ent­ge­gen­tre­ten. Die­ser Ver­suchs­be­trieb sei ideal, um Er­fah­run­gen zu sammeln.

Gra­tis Le­bens­mit­tel beziehen
An­ne­liese Zingg, Lei­te­rin der städ­ti­schen So­zi­al­dienste, hat eben­falls grosse Freude am Gassenküche-Projekt und fin­det es wich­tig, dass sol­che Pro­jekte auch von Pri­va­ten in­iti­iert werden.
Die «Tisch­lein deck dich»-Aktion, wo Le­bens­mit­tel kos­ten­los ver­teilt wer­den, funk­tio­niere bes­tens, so Zingg. Aber wie auch beim Caritas-Mobil mit den ver­güns­tig­ten Le­bens­mit­teln müsse man sich ent­spre­chend ausweisen.
(Von Ma­thias Frei. Ak­tua­li­siert am 04.10.2010, Thur­gau­er­Zei­tung)

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