Stück Geborgenheit für drei Franken

Veröffentlicht am 27. Dez. 2011 von


Zur  Weih­nachts­zeit er­fah­ren är­mere Men­schen ver­mehrt Un­ter­stüt­zung. In der Gas­sen­kü­che ste­hen Hilfs­be­dürf­tige das ganze Jahr über im Zen­trum. Ein  Be­such.

Von  Franco Brun­ner, «die Südostschweiz»

Frau­en­feld. – Es herrscht al­les an­dere als win­ter­li­che und vor­weih­nacht­li­che Stim­mung an die­sem trü­ben Mitt­woch in Frau­en­feld. Der Haupt­ort des Thur­gaus zeigt sich von sei­ner ver­reg­ne­ten und kal­ten Seite. Weih­nachts­stim­mung ver­brei­tet höchs­tens die de­zente Ster­nen­de­ko­ra­tion, die ein paar Bäume an den Stras­sen schmückt. Und viel­leicht noch der Mann mit dem Ak­kor­deon, der vor ei­ner Ein­kaufs­pas­sage un­mit­tel­bar beim Christbaum-Verkaufsstand «O Tan­nen­baum» und «Stille Nacht» an­stimmt. Auch ge­gen­über dem Ein­kaufs­zen­trum deu­tet auf den ers­ten Blick nichts dar­auf hin, dass das hei­lige Christ­fest be­vor­steht. Das un­schein­bare, graue Haus macht nur durch den dün­nen, lan­gen Ka­min, aus dem weis­ser Rauch em­por­steigt, auf sich auf­merk­sam. Bei nä­he­rer Be­trach­tung ist zu­dem ein klei­ner Zet­tel auf der gros­sen Ein­gangs­türe aus­zu­ma­chen. «Gas­sen­kü­che Frau­en­feld: ge­öff­net je­den Mitt­woch von  11.30 bis 13 Uhr. Herz­lich  Willkommen!»

Weih­nacht­li­che Stimmung

Beim Ein­tritt in die Gas­sen­kü­che steigt ei­nem um­ge­hend ein Ap­pe­tit ma­chen­der Duft in die Nase. Nach dem kur­zen, aber stei­len Gang die enge Treppe hin­auf wird klar, wo­her die­ser Wohl­ge­ruch kommt. In der klei­nen Kü­che wird em­sig ge­kocht, und aus den Töp­fen dampft und zischt es. «Will­kom­men in der Stube», sagt eine freund­lich wir­kende Dame mit ei­nem an­ste­cken­den La­chen. Es ist San­dra Kern, In­iti­an­tin und Ge­schäfts­füh­re­rin der Gas­sen­kü­che. Sie ist ge­rade daran, die Ti­sche im klei­nen Saal weih­nacht­lich zu de­ko­rie­ren. Ker­zen, Tisch­tü­cher mit Ster­nen­mus­ter, di­verse Tan­nen­zweige so­wie ein paar kleine Stro­hen­gel­chen ver­brei­ten eine warme At­mo­sphäre im Raum. «Heute gibt es auch noch ein klei­nes Ge­schenk für un­sere Gäste», sagt Kern und zeigt auf die Pa­pier­herz­chen von der Heils­ar­mee mit Zünd­höl­zern drin. «So kön­nen sich die Gäste zu­hause ihre Zi­ga­ret­ten oder ihre Ker­zen an­zün­den.» Die Idee zur Gas­sen­kü­che ent­stand im Rah­men ih­rer Di­plom­ar­beit zur So­zi­al­ma­na­ge­rin, wie Kern er­zählt. «Ich hatte mit leich­tem Er­stau­nen fest­ge­stellt, dass es hier in der Re­gion noch nichts Ähn­li­ches gab und habe da­nach eine Markt­ana­lyse er­stellt. Wir setz­ten uns ei­nen Zeit­raum von ei­nem hal­ben Jahr und rech­ne­ten bei der Er­öff­nung mit zehn bis 15 Gäs­ten», er­in­nert sich Kern. Ge­kom­men seien aber schon da­mals, vor mitt­ler­weile über ei­nem Jahr, rund 30 Gäste, was in etwa dem heu­ti­gen Durch­schnitt entspreche.

Herz­li­cher Empfang

«Gäste», so nennt Kern die Be­su­cher der Gas­sen­kü­che. «Die Gas­sen­kü­che ist ein Re­stau­rant für Rand­stän­dige, dem­ent­spre­chend wol­len wir die Men­schen, die zu uns kom­men,
auch wie ganz nor­male Re­stau­rant­gäste be­han­deln», er­klärt sie. So ganz nor­mal scheint das Ver­hält­nis zwi­schen Wir­tin und ih­ren Kun­den dann aber doch nicht zu sein, wie sich kurz nach 11 Uhr her­aus­stellt, als die ers­ten Gäste die Gas­sen­kü­che be­tre­ten. Denn solch ei­nen herz­li­chen Emp­fang wie hier er­lebt man wohl in kei­nem «ge­wöhn­li­chen» Re­stau­rant. Die meis­ten Be­su­cher wer­den mit Na­men be­grüsst, für ein­zelne gibt es so­gar noch eine Um­ar­mung von der Che­fin. «Klar, man kennt sich mitt­ler­weile, und ich freue mich im­mer wie­der auf das Wie­der­se­hen», sagt Kern.

«Je­der geht satt vom Tisch»

Zur Gassenküche-Stammkundschaft ge­hö­ren Men­schen, die am Exis­tenz­mi­ni­mum le­ben. Die Mehr­heit da­von ist al­lein­ste­hend. Wie zum Bei­spiel die bei­den Da­men, die an Tisch Num­mer 3 sit­zen. Sie kä­men schon seit der Er­öff­nung der Gas­sen­kü­che hier­her, sagt die 56-jährige Els­beth Küenzle. «Ich freue mich je­des Mal auf den Mitt­woch», er­gänzt ihre Kol­le­gin Agnes Graf la­chend. Die 65-Jährige ist jede Wo­che aufs Neue ver­blüfft, dass die Ver­ant­wort­li­chen mit und für so we­nig Geld so et­was Gu­tes auf den Tisch zau­bern kön­nen. «Und das Tolle da­bei ist, je­der geht satt vom Tisch», sagt Graf. In der Tat lässt es sich se­hen, was die Gassenküche-Gäste für drei Fran­ken er­hal­ten. An die­sem Tag hat das Kü­chen­team um Matt Su­re­mann ei­nen Sa­lat, eine Griess­suppe so­wie ei­nen Bra­ten mit Kar­tof­fel­stock, Rüe­bli und Ro­sen­kohl zu­be­rei­tet. Die Le­bens­mit­tel hier­für wur­den von der Schwei­zer Ta­fel zur Ver­fü­gung ge­stellt. Nach­schöp­fen so­wie Ge­tränke sind im Preis in­klu­sive – und wenn am Schluss noch et­was üb­rig bleibt, kön­nen es die Gäste gar un­ent­gelt­lich mit nach Hause neh­men. Heute kom­men, so­zu­sa­gen als vor­weih­nacht­li­che Prä­sente, so­gar noch eine Jo­ghurt­creme als Des­sert und die von ei­ner Frau­en­fel­der Ober­stu­fen­schule ge­mach­ten Guetsli hinzu.

Wie­der­se­hen in ei­ner Woche

An die­sem Tag hat das Gassenküche-Team an die 40 Gäste ver­kös­tigt und ih­nen zu­dem in der kal­ten Vor­weih­nachts­zeit ein we­nig Wärme und Ge­bor­gen­heit ge­bo­ten. Um 13 Uhr schliesst die Kü­che, und das Team um San­dra Kern macht sich an die Auf­räum­ar­bei­ten. Der­weil ge­hen die Gäste wie­der ih­rer Wege. Ei­ner der letz­ten, der auf­bricht, ist der Akkordeon-Mann, der sich, wie er sagt, nun wie­der in der Ein­kaufs­pas­sage ein­rich­ten werde. Wie wohl die meis­ten an­de­ren Gäste auch, wird er mit gros­ser Wahr­schein­lich­keit am nächs­ten Mitt­woch er­neut in der Gas­sen­kü­che an­zu­tref­fen sein und von Kern und ih­rer Mann­schaft ge­wohnt herz­lich emp­fan­gen werden.


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