Tamara hilft mit, (Redaktorin, Thurgauer-Nachrichten)

Veröffentlicht am 17. Sep. 2019 von

Tama­ra Schäp­per, Thur­gauer Nachricht­en, 04.09.2019

Anders ist die Gassenküche nicht wegen ihrer Gäste. Nein, die kom­men, geniessen ihr Essen, bezahlen und gehen wieder. Es ist das, was zwis­chen den Gästen und den Helfend­en passiert, das die Gassenküche zu einem ganz speziellen Ort macht. Die Her­zlichkeit und unendliche Dankbarkeit, die dem Team Mittwoch für Mittwoch ent­ge­genge­bracht wird.

Frauen­feld Und dann gehen sie alle wieder und man fragt sich, wie sie den Rest des Tages ver­brin­gen. Mit einem vollen Bauch und einem Lächeln ver­lassen sie die Gassenküche. «Tschüss Bruno», ruft San­dra Kern einem grossen, kräfti­gen Mann mit Bart hin­ter­her. Er dreht sich um und stre­icht sich über den Bauch. «Toll wie du abgenom­men hast», sagt eine der Köchin­nen. «Und wie geht’s dein­er Frau?», fragt eine andere. «Nicht gut», antwortet er. «Und im Moment weiss nie­mand wie man ihr helfen kann.» Bruno ist Stam­m­gast und kommt jeden Mittwoch. Auch Annemarie sitzt jeden Mittwoch am hin­ter­sten Tisch in der Stube ganz rechts, so hat sie eine gute Sicht über den ganzen Raum. Sie hat eine Por­tion ohne Gemüse bestellt. Die Dame am Tisch vor ihr wollte viel Gemüse und der Herr daneben hat Nach­schlag ver­langt. Das ist alles kein Prob­lem. Jed­er bekommt das Menü so, wie es gewün­scht wird. Und jed­er bekommt so viel, bis der Bauch voll ist.

Frei­willige kochen für Bedürftige San­dra Kern hat die Gassenküche vor neun Jahren gegrün­det. Ein Restau­rant für Men­schen, die am Exis­tenzmin­i­mum leben. Für Men­schen, die kaum mal in ein Restau­rant gehen kön­nten. Und für Men­schen, die nie­man­den haben, der ihnen beim Essen Gesellschaft leis­ten kön­nte. Unter­stützt wird San­dra dabei von Frei­willi­gen.

Hier sind alle Gäste VIP’s Mor­gens um neun Uhr trudeln die Helferin­nen nach und nach ein, die für diesen Mittwoch eingeteilt sind. Jede arbeit­et einen Mit­tag im Monat immer im gle­ichen Team. San­dra reicht mir eine Schürze, Jolan­da einen Schäler. Zweiein­halb Kilo Karot­ten gilt es zu schälen. Ich set­ze mich zu Els­beth an den Tisch. «Weisst du, früher habe ich bei der RestEss­Bar geholfen. Jet­zt bin ich schon lange Zeit hier», sagt sie. Wir sitzen da und reden. Sie erzählt mir von ihren Lei­den. Dass sie den Schäler nicht gut hal­ten kann, weil ihr die Hand wehtut. Später beim Deck­en der Tis­che erwäh­nt sie ihr schmerzen­des Knie. «Hi, ich bin Sue», sagt eine andere Helferin und streckt mir ihren Fin­ger hin. Ihre Hand ist einge­bun­den. «Wir sind alle etwas lädiert», ergänzt sie und lacht. Es scheint, als nutzen nicht nur die Gäste die Gassenküche als Ort des Aus­tauschs.

Ich verteile die Tis­chläufer, das Besteck, Gläs­er, Servi­et­ten, Blu­men und Teekrüge. Schön sieht’s aus denke ich mir mit Blick auf die Tis­che. «Wir sind ein Restau­rant und all unsere Gäste sind unsere VIP’s», sagt San­dra, während sie mir eine Schachtel mit Salz- und Pfef­fer­streuer reicht. «Auf jeden Tisch je ein­er.» In der Küche wird der­weil das Fleisch mit der Sauce und die Suppe aufgekocht. Es gibt Pastetli mit Brätkügeli, Poulet­geschnet­zel­tem, dazu Rüe­bli und Erb­sli. Für die Suppe zur Vor­speise hat Jolan­da die ersten Kür­bisse in ihrem Garten gepflückt. Während ich die let­zten Pfef­fer­streuer auf den Tis­chen verteile, rüsten zwei Helferin­nen den Salat. «Auf jeden Tisch kommt eine Schüs­sel», sagt die eine. Es gibt frischen Kopf­salat, der gespon­sert wurde. Auch der Dessert und das Brot wird immer gespendet und das Fleisch vergün­stigt abgegeben. Bleibt etwas übrig, kommt es auf den Gaben­tisch. Direkt neben dem Ein­gang liegen bere­its die restlichen Salatköpfe, einige Pack­un­gen Löf­fel­biskuits, ein T‑Shirt, Schoko­riegel, ver­schiedene Brote, ein Puz­zle und CD’s. Wer etwas hat, das man sel­ber nicht mehr braucht, noch gut ess- oder brauch­bar ist, bringt es mit und die Gäste dür­fen sich bedi­enen.

Nor­maler­weise bezahlt jed­er Gast drei Franken für das Menü in der Gassenküche. Dank ein­er grosszügi­gen Spende muss heute aber nie­mand bezahlen.

Geteiltes Leid Man ken­nt sich. Alle grüssen sich mit dem Vor­na­men. Man ken­nt die Geschichte von einan­der. Die ersten Gäste kom­men schon um halb zehn einen Kaf­fee trinken und Zeitung lesen. Das Essen wird um halb zwölf serviert. Sup­pen­teller um Sup­pen­teller lan­det vor den Gästen und kurze Zeit später leer wieder in der Küche. Dann wer­den die Menüs verteilt. Das let­zte Pastetli hingestellt, sind die Ersten bere­its fer­tig oder möcht­en nochmals eine Por­tion. «Sehr fein war’s», meint eine Frau, als ich den Teller abräume. «Und genug war’s auch?», frage ich. «Hmmm, also ein biss­chen würd ich glaub noch nehmen», sagt sie und lacht mich an. Als sie auch den Nach­schlag gegessen hat, möchte sie mir etwas zeigen. Sie nimmt eine Fotomappe aus ihrer Tasche und legt Bilder von leeren Alko­holflaschen auf den Tisch. «Ist das nicht ver­rückt?», fragt sie. «Der trinkt den ganzen Tag.» Ein weit­eres Foto zeigt ihren Mann, wie er in ihrer Woh­nung auf dem Boden sitzt. «Ich weiss ein­fach nicht mehr weit­er», sagt sie. Was kann man ein­er Frau, die solche Prob­leme hat, rat­en? Ich bin froh, als sie mit ihrer Tis­chkol­le­gin ein Gespräch begin­nt und ich mit dem leeren Teller wieder in die Küche ver­schwinden kann. Mit solchen Schick­salen komme ich son­st nicht in Berührung. Nach dem Essen machen sich die ersten wieder auf. Andere bleiben noch sitzen und geniessen einen Kaf­fee. Dann ste­hen auch diese Leute nach und nach auf, bedanken sich und kehren zurück in ihren All­t­ag, bis sie in ein­er Woche wieder hier­herkom­men, um einige schöne Stun­den zu erleben.


Jeden Mittwoch ein Vier-Gänge-Menü für 3.- Franken

Veröffentlicht am 16. Sep. 2019 von

Die Som­mer­pause ist vor­bei und wir sind wieder da. Jeden Mittwoch servieren wir für 3.- Franken ein Vier-Gänge-Menü, inkl. Getränke. Du darf­st so viel essen bis dein Bauch voll ist. Auch kannst du ein Menü mit nach­hause nehmen, damit du am Abend oder am anderen Tag etwas zu Essen hast. Her­zlich willkom­men in unserem Restau­rant Gassenküche!


Rückblick auf unseren Tagesausflug

Veröffentlicht am 26. Aug. 2019 von

(Lei­der war mein Post von anfangs Juli weg. Da es nach einem Update Schwierigkeit­en gab unsere Fotos einzuse­hen, ver­suche ich es heute mit einem neuen Post.)

Der Tage­saus­flug führte unsere Gäste zusam­men mit den Mitar­beit­ern der Gassenküche zuerst nach Gos­sau ins Restau­rant Moos­burg für eine Kaf­fi und Gipfe­li­pause. In Stein AR durften alle an der inter­es­san­ten Führung der Schaukäserei teil­nehmen. Darauf gondelte die Gesellschaft nach Mörschwil zum Restau­rant Füger, in dem ein fein­er Zmit­tag (Schnipo) serviert wurde. Zur Ver­dau­ung ging es danach in St. Gallen auf einen Spazier­gang in den Tier­park “Peter und Paul”. Für diejeni­gen die im Bauch noch Platz hat­ten, durften sich in der Schoko­laden­fab­rik Maes­trani in Flaw­il bedi­enen. Um 18.00 Uhr trudelte die ganze Gesellschaft müde und zufrieden wieder in Frauen­feld ein.

 


Eine Fahrt ins Blaue am Mittwoch, 26. Juni 2019

Veröffentlicht am 4. Jun. 2019 von

Liebe Gäste

Zusam­men mit unseren Mitar­beit­ern gehen wir am let­zten Mittwoch vor der Som­mer­pause auf einen Tage­saus­flug.

Am Mittwoch den 26. Juni 2019 tre­f­fen wir uns um 07.00 Uhr, (mit­ten in der Nacht also), vor der Gassenküche. Der Car fährt um 07.15 Uhr los.

Dieser Aus­flug wurde uns von einem grosszügi­gen Spender geschenkt, wom­it fast alles bezahlt ist. Ihr nehmt lediglich ein Sack­geld in Form eines “Töbelis” oder eines “Back­naslis” mit.

Wölz­gott” wird dieser Aus­flug ein tolles Erleb­nis. Ein “schu­ulege Föch­botz” oder ein “alte Söderi” bleiben aber bess­er daheim.

Wo fahren wir hin?


Frühlingserwachen

Veröffentlicht am 5. Apr. 2019 von

Der Früh­ling ist greif­bar.

Oster­glock­en, Tulpen und ein quitschfi­de­les Mitar­beit­erteam.

Das Menü: Bunter Blattsalat, her­rlich duf­tende Lauchcreme­suppe, betören­des Rind­sragout mit Härdöpfel­stock und knack­i­gen Rüe­bli. Zum Dessert ver­führerische Süs­sigkeit­en vom Beck.


Voressen in Weiss: Poulet Fricassée — gekocht von unserem Thurgauer Koch. Unser liebenswürdiger Scherzkeks Bruno sorgte derweil für Unterhaltung.

Veröffentlicht am 13. Mrz. 2019 von

Unsere beiden Walisser und Thurgauer Köchinnen kreierten als Vorspeise eine Rüebli-Ingwersuppe. Der Hauptgang: ein fabelhaftes Pouletgeschnetzeltes an einer Weissweinpilzsauce, dazu Reis und knackiges Gemüse. Die Gäste freuten sich riesig über den geschenkten Panettone (5kg)!

Veröffentlicht am 6. Mrz. 2019 von

Lasagne oder eine Gaumenreise nach Italien, gekocht von einer Thurgauer Köchin und ihrem Team

Veröffentlicht am 2. Mrz. 2019 von

Die Entstehung einer Bernerrösti, gekocht von einem Berner und einem Thurgauer Koch (mit Siedfleisch und Gemüse)

Veröffentlicht am 24. Feb. 2019 von

Die Frauenfelder Gassenküche hilft durch die schlimme Zeit

Veröffentlicht am 27. Dez. 2018 von

Thur­gauer Zeitung: Math­ias Frei 26.12.2018, 19:32 Uhr

Bilder: Reto Mar­tin

Bewusst unwei­h­nachtlich: So feiert die Gassenküche am 25. Dezem­ber im ehe­ma­li­gen Thur­druck-Gebäude. Für die 60 Gäste gibt es ein feines Vier-Gang-Menü – und ein paar Stun­den Men­schlichkeit.

Draussen ist es kalt, drin­nen begrüsst San­dra Kern mit «Willkom­men in der Stube». Es ist warm, warm von men­schlich­er Wärme. Der kurze Hand­schlag, die flüchtige Umar­mung, das Lächeln des Gegenübers. Für ein­mal hat die Gassenküche an der Graben­strasse nicht am Mittwochmit­tag offen, son­dern schon am Dien­stag, am Wei­h­nacht­stag. Dann, wenn die Ein­samkeit bei vie­len Gästen der Gassenküche ihren Höhep­unkt erre­icht, wenn am Fest der Liebe kein­er da ist, wenn kein Kon­takt mehr beste­ht zur Fam­i­lie, wenn das Geld hin­ten und vorne nicht reicht, um jeman­dem ein Geschenk zu machen.

«Auf die Adventszeit spitzt es sich für viele mein­er Gäste zu.»

San­dra Kern sagt das. Sie hat die Gassenküche im Herb­st 2010 ins Leben gerufen und leit­et sie sei­ther. Hier arbeit­en alle ehre­namtlich. Kern investiert neb­st ihrem 60-Prozent-Pen­sum als Sozialar­bei­t­erin einen Tag pro Woche in die Gassenküche. Es ist für sie eine Investi­tion in Men­schen.

Ehrenamtliche Arbeit von 8.30 bis 16 Uhr

Um 8.30 Uhr hat die Arbeit für San­dra Kern und ihre sechs Helferin­nen und Helfer ange­fan­gen. Kurz nach 11 Uhr wird es eng.

«Heute kom­men mehr als nor­mal.»

Es muss also enger ges­tuhlt und für mehr Gäste gedeckt wer­den. Üblich sind 45 bis 55 Per­so­n­en pro Mittwochmit­tag. An diesem 25. Dezem­ber hat das Gassenküche-Team schliesslich 60 Gäste emp­fan­gen. «Wir sind wie ein Restau­rant. Deshalb bedi­enen wir unsere Gäste», meint Kern, als um 14.45 Uhr nur noch wenige da sitzen. «Jet­zt bin ich erschöpft, aber zufrieden», sagt die Gassenküche-Lei­t­erin. Das sei für sie bess­er als Wei­h­nacht­en. Zuhause feiert sie nicht mehr. Spätestens um 16 Uhr ist für Kern, ihre fünf Helfer in Küche und Ser­vice sowie Mar­cel, der jedes Mal mitar­beit­et, Feier­abend.

Bewusst unwei­h­nachtlich: So werde der 25. Dezem­ber in der Gassenküche gefeiert, sagt San­dra Kern. Tis­chläufer, schöne Servi­et­ten und Rosen hat es immer. Dass Wei­h­nacht­en ist, merkt man nur an den zwei Geschenken, die heute jede und jed­er nach Hause nehmen darf –

Spendern sei Dank. Zudem hat jemand den Unkosten­beitrag von drei Franken pro Per­son über­nom­men. Die Lebens­mit­tel bekommt Kern wie schon das ganze Jahr von regionalen Anbi­etern zu sehr gün­sti­gen Preisen oder sog­ar gratis.

Grosse Portionen werden geschöpft.

So gibt es ein­mal mehr einen Viergänger, zuerst einen grü­nen Salat mit drei gefüll­ten Pastetli, danach ein Pot-au-feu mit ordentlich Ein­lage, zum Haupt­gang ein Schin­kli im Brot­teig mit Sen­f­sauce und knack­igem Wurzel­gemüse, bevor es zum Ausklang mit Kaf­fee und Kuchen geht. Zehn Liter Pot-au-feu und 13 Schin­kli sind wegge­gan­gen. Zwis­chen­durch hat ein Duo namens Ro-Bi & An-Gi die Anwe­senden mit Dreh- und Han­dorgel-Musik unter­hal­ten.

Son­st sitzt man im Win­ter in der kleinen Woh­nung

Ein Stam­m­gast erzählt, dass er sich jew­eils schon am Son­ntag freue, wenn die Gassenküche am Mittwoch wieder öffne. Im Win­ter sitze man son­st die ganze Zeit daheim in der kleinen Ein-Zim­mer-Woh­nung. Wie ihm geht es vie­len Stam­mgästen. In der Gassenküche fragt sie nie­mand, warum es so ist, wie es ist. Sie kön­nen hier ein­fach sein. An der Decke hän­gen zwar Neon­röhren. Aber sie spenden warmes Licht. Auf einem Sims ste­ht eine ger­ahmte Illus­tra­tion. «In Gedenken an unseren Heinz», ste­ht darunter. «Tschau, Sändy», sagen die Gäste am Schluss zu Kern. Spätestens jet­zt lächeln sie und zehren noch einige Zeit davon. Der Aschen­bech­er am Ein­gang zur ehe­ma­li­gen Druck­erei quillt über. Ein paar Zigis, ein feines Essen, ein paar schöne Stun­den.